Mittelstand und Familienunternehmen bilanzieren anders!

Argumente aus der Grundlagenforschung gegen eine Harmonisierung ihrer Rechnungslegungsvorschriften in der EU und darüber hinaus

StB Prof. Dr. Rolf Uwe Fülbier, 2015

Die Forschung im Bereich der Rechnungslegung, gerade die empirische Forschung, konzentriert sich gerne auf kapitalmarktorientierte Unternehmen. Hier ist die Datenverfügbarkeit in hohem Maße gegeben und Auswirkungen der Rechnungslegung auf die Anleger lassen sich über Kapitalmarktreaktionen gut messen. Diese Auswirkungen interessieren schon deshalb, weil kapitalmarktorientierte Unternehmen ihre Kapitalmarktkommunikation in der EU und in vielen Wirtschaftsräumen weltweit auf die sog. International Financial Reporting Standards (IFRS) ausrichten. Diese IFRS zielen allein auf entscheidungsrelevante Informationen für die Anleger.

Die Welt des Mittelstandes und der Familienunternehmen ist in der (empirischen) Forschung eher von nachrangiger Bedeutung. Gerade auch aus der Perspektive der anglo-amerikanischen Forschung geht dies einher mit einer Art Gleichsetzung: Was für kapitalmarktorientierte Unternehmen (public firms) gilt, müsse wohl auch für die anderen (private firms) gelten. Dies wird dadurch bestärkt, dass die Bilanzierung in dieser Hemisphäre auf Ebene des Einzelabschlusses i.d.R. keine wirklichen Rechtskonsequenzen entfaltet, also insbesondere keine Auswirkungen auf die steuerliche Gewinnermittlung oder die Dividendenbemessung hat. Insofern wundert es auch nicht, dass eine abgespeckte IFRS-Version für private firms (IFRS for SMEs) in vielen anglo-amerikanisch geprägten Ländern begrüßt wird – ganz im Gegensatz zu kontinentaleuropäischen Staaten wie Deutschland, Frankreich oder Italien. Auch die Wertungen für „gute“ Rechnungslegung – gemessen auf der Basis der sog. „Rechnungslegungsqualität“ (earnings quality) – folgen dieser Gleichsetzung. Ein Beispiel: Die internationale Literatur misst diese Rechnungsqualität u.a. mit dem Glättungsverhalten der Ergebnisse (earnings smoothness), d.h. inwieweit Cashflow-Schwankungen durch periodisierte Ergebnisse verringert und gedämpft werden. Ergebnisglättung wird hierbei eher als Informationsverzerrung wahrgenommen und insofern negativ interpretiert. Mit diesem (angreifbaren!) Mess- und Beurteilungsinstrument werden aber nunmehr ganze Länder miteinander verglichen und, vor allem, die kapitalmarktorientierten (public firms) mit den nicht-kapitalmarktorientierten Unternehmen (private firms). Hierbei wird den private firms gegenüber den public firms schlechtere (weil glattere) Rechnungslegungsqualität attestiert (vgl. z.B. Burgstahler, Hail und Leuz, The Accounting Review 2006). Zu Recht?

Den Artikel in voller Länge erhalten Förderer der Forschungsstelle im internen Bereich.

© 2012—2013 Forschungsstelle für Familienunternehmen der Universität Bayreuth.
Design by FJT 2011. Joomla 1.7 templates.